Braucht Justitia eine neue Augenbinde?

Geschieht ihm recht! Der Nationalbankdirektor betreibt illegale Devisenspekulationen. Einer, der jährlich eine Million Schweizerfranken Lohn bezieht – von unseren Steuern, notabene – und daneben noch dank Insiderwissen Gewinne erzielt, ist ein Gauner! Von einem ehemaligen Hedge Fund-Mitarbeiter kann man ja auch nichts anderes erwarten.

Es tut doch so gut, einen der Erfolgreichen der Finanzwelt fallen zu sehen! Diese Genugtuung, wenn einer deren, die für uns unerreichbare Summen verdienen, derart scheitert. Dem haben wir’s gezeigt! Der kommt nicht ungestraft davon! Unsere ganze über die letzten Jahre aufgestaute Empörung und Wut über geizige und verantwortungslose Top Shots der Finanzszene findet in Herrn Hildebrand ein dankbares Ziel.

Doch was wollen wir wirklich? Etwas kurzfristige Genugtuung? Ein Ventil für unsere Frustration? Oder wollen wir langfristig etwas verändern? An den richtigen Stellen den Hebel ansetzen und etwas bewirken?

Wütende Menschen, solche, die sich als Opfer grosser Ungerechtigkeit fühlen, gegen die sie sich nicht zu wehren wissen, sind einfach zu manipulieren. Wut und Empörung können gute Antriebskräfte sein, etwas zur Veränderung beizutragen, sie können aber auch unser Verstand trüben und uns zu Mittel zum Zwecke anderer machen. Passen wir also gut auf, vor wessen Karren wir gespannt werden. Unsere Kaufkraft, unsere Mieten, unsere wirtschaftliche Zukunft, aber auch die Art und Weise, wie in der Schweiz politisiert und Bericht erstattet wird, hängen davon ab. Und so, wie dies hier geschah, kann es in Zukunft nicht sein!

Wir, die breite Öffentlichkeit, werden nie wissen, wie die volle Wahrheit in dieser Sache aussieht. Eine objektive und lückenlose Darstellung der Begebenheiten lässt sich nirgendwo finden. Keine Zeitung hat alle Fakten, keine Berichterstattung ist hundertprozentig objektiv. Aber wir können, indem wir alle Meinungen – auch die von jenen Leuten, die uns zutiefst unsympathisch sind – und unseren Menschenverstand anhören, uns eine eigene (eigene! nicht soufflierte) Meinung bilden. Und dazu stehen, auch wenn sie unpopulär ist.

Also hinterfrage ich mal einige Aspekte der diesbezüglichen Berichterstattung:

Fachbegriffe wie Insiderhandel und Spekulationen wurden genannt. Insiderhandel assoziieren wir mit kriminellem Handeln an der Börse, mit unfairen Gewinnen, mit leichtverdientem Geld. Da kann die Gegenseite lange erklären, dass dieser Begriff genau definiert ist und hier nicht zutrifft. Selbst wenn wir fair genug sind, auf Verstandesebene das Argument zu akzeptieren, bleibt die Assoziation. Diese, und mit ihr das ungute Gefühl, dass hier etwas krumm ist, ist nicht durch rationale Argumente zu beseitigen. Unsere Einstellung wird somit schon etwas manipuliert.

Ähnliches lässt sich zu den vermeintlichen Spekulationen sagen. Ich, die ich wie viele andere in diesem Land nie für ein Hedge Fund tätig oder Investmentbankerin war, hätte im Sommer auch Dollar gekauft, wenn ich gekonnt hätte. Die Währung war so lächerlich billig, dass keine besonderen Kenntnisse nötig waren, um diese gute Gelegenheit zu erkennen. Ich hätte spekuliert, also per Definition ein kurzfristiges Geschäft getätigt mit der Absicht, aus einem erwarteten Preisunterschied Gewinn zu erzielen. Das Wissen, über das Herr Hildebrand verfügte, betraf in erster Linie den Euro, nicht den US-Dollar. Wenn also schon die Dummheit begehen, über das auf den eigenen Namen lautende Konto einer Schweizer Bank illegale Spekulationsgeschäfte abzuwickeln, warum dann nicht direkt auf den Euro spekulieren, wo mehr Gewinn zu holen gewesen wäre? Warum nicht grössere Beträge? Ein Gewinn von 75‘000 Schweizerfranken ist viel für einen Durchschnittsverdiener aber kaum für jemand wie Hildebrand. Wenn oder solange also nicht bewiesen wird, dass die Familie Hildebrand über die Gründe gelogen hat, weshalb sie jene Devisen und Wertschriften kaufte und hielt, gilt in der Schweiz die Unschuldsvermutung. So wie sich das Volk aber von der Finanzwelt hintergangen fühlt, fällt es ihm schwer, Justitia einem Mitglied ebendieser Welt gegenüber blind sein zu lassen.

Und seit wann, bitte sehr, ist eine Behauptung eines Dritten Beweis genug, dass Herr Hildebrand etwas gewusst haben soll? Es ist denkbar, dass der Kundenberater, als er von Hildebrand zurechtgewiesen wurde, so tat, als sei er überzeugt gewesen, dass Herr Hildebrand selber mit den Geschäften einverstanden gewesen sei, um sich selbst ein Stück weit zu rechtfertigen. Diese Reaktion wäre nur zu menschlich gewesen. Zumal der Kundenberater zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, welche Bedeutung dieser Satz erlangen würde.

Sein Abtreten, selbst wenn es rein freiwillig erfolgt wäre, oder aber die Aufforderung des Bankrats an Herrn Hildebrand, von seinem Posten abzutreten, könnten auch nur als Schuldeingeständnis bzw. Beschuldigung gewertet werden, wenn man davon ausginge, dass die Öffentlichkeit fair ist und von einer Vorverurteilung absieht. Da man jedoch sowohl vernünftiger- wie traurigerweise davon ausgehen muss, dass Herr Hildebrand die Brandmarkung der Vorverurteilung so schnell nicht los wird – woran auch eine eventuelle zukünftige Entlastung durch Beweise wenig ändern würde –, blieb nichts anderes als sein Abtreten übrig.

Im Interesse der Schweiz wäre die Bewahrung der Ruhe gewesen, und eine gründliche Analyse der Gegebenheiten, bevor Konsequenzen gezogen werden. Doch dieser Aufruf wurde schnell als Vertuschungsversuch verschrien. Es ist unglücklicherweise eine Tatsache, dass unsachliche, unfaire Argumentationen populärer sind als sachliche, die darauf abzielen, Lösungen zu finden statt sich auf Teufel komm raus durchzusetzen. Man muss sich die Mühe nehmen mitzudenken statt faul nachzuplappern. Und es braucht echtes Selbstbewusstsein, um die eigene Meinung neuen Erkenntnissen anzupassen.

Viel einfacher ist es, wie Herr Köppel in seinem Auftritt bei Roger Schawinski, wo er mich stark an ein hirngewaschenes Sektenmitglied erinnerte, stur die eigenen zurechtgezimmerten Argumente zu wiederholen, ohne auf Gegenfragen oder –einwände zu antworten. Vielleicht war ihm aber nur zu bewusst, dass er nichts Gescheites darauf antworten konnte, dass er seine Leser nachweislich mehrmals bewusst belogen hat. Empört hat er wiederholt, wie die Weltwoche entgegen allen Vertuschungsversuchen diesen Skandal aufgedeckt hat. Herr Köppel, Sie sollen solche und andere Geschichten bringen. Lassen Sie Sich niemals den Mund verbieten. Aber lassen Sie Verleumdungen und Lügen aus Ihren Artikeln. Bewahren Sie Würde.

Es ist eine Sache, zur Aufdeckung und Aufarbeitung von Geschehnissen beizutragen, die möglicherweise illegal oder sonst von öffentlichem Interesse sind. Darin sind wir uns alle einig. Eine andere ist es, diesen Prozess so zu steuern, dass er den eigenen Interessen dient. Dies ist im besten Fall intrigant und egozentrisch, im schlimmsten dem Interesse der Allgemeinheit entgegengesetzt. Dass der Bote in dieser Sache nicht so unparteiisch ist, wie er sich gibt, liegt anhand der Geschichte von Herrn Blocher und Herrn Hildebrand nahe. Inwiefern Herr Blocher den Prozess der Wahrheitsfindung zu seinen Gunsten tatkräftig beeinflusst hat, ist ebenfalls noch Gegenstand von Ermittlungen. Zwischenzeitlich gilt die Unschuldsvermutung. Erwiesen ist aber bereits, dass Herr Blocher die Öffentlichkeit belogen hat. Er selbst behauptet, dass „es in der Politik Situationen gibt, in denen man lügen muss.“ Das muss man nur, wenn man etwas zu vertuschen hat. Was ist es bei Ihnen, Herr Blocher? Wie Sie und andere aus Ihrem Umfeld reagieren, wenn Sie Ihren Willen mal nicht durchsetzen können, konnten wir in der Vergangenheit mehrmals erleben. Besondere Mühe scheinen Sie bei Wahlen zu haben. Da vertreten Sie die narzisstisch anmutende Auffassung, Ihre Meinung habe mehr Gewicht als die anderer. Es ist beschämend, dass Sie im Schweizerischen Parlament sitzen. Stehen Sie diesem Land und Ihrer Partei nicht weiter im Weg und treten Sie in den politischen Ruhestand.

Zusammenfassend haben wir also aufgrund unbewiesener und durch Lügen aufgeblähter Beschuldigungen voreilig einen fähigen Nationalbankpräsidenten verloren, der der Schweiz in Vergangenheit gute Dienste erwies. Dafür bleiben uns erwiesenermassen lügende Journalisten und ein Nationalrat, der für das eigene Ego anstatt für das Volk politisiert. War es die kurzfristige Genugtuung wert?

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