Streit, Diskussion

Eine Diskussion über Diskussionskultur

Es ist meine feste Überzeugung, dass Fairness in allen Aspekten des Lebens nicht nur ethisch richtig ist, sondern langfristig gesehen auch immer das Gescheiteste. Da die Begründung dieser Überzeugung Stoff für ein ganzes Buch darstellt, möchte ich mich heute auf die Fairness beim Diskutieren beschränken oder was ich unter Diskussionskultur verstehe.

Faires Diskutieren zeichnet sich meines Erachtens durch sachliche, pertinente Argumentation aus. Dem gegenüber steht eine unsachliche Argumentation, die durch persönliche Angriffe auf die Vertreter der gegenteiligen Meinung versucht, diese zu diskreditieren und dadurch von ihren Argumenten und vom eigentlichen Thema der Diskussion abzulenken.

Solche persönlichen Angriffe sagen jedoch bloss über denjenigen etwas aus, der sie ausspricht. Und zwar Folgendes:

  • Dass man keine eigentlichen (guten, sachlichen) Argumente hat. Wer gute Argumente hat, hat es nicht nötig, auf die persönliche Ebene auszuweichen.
  • Dass man sich nicht ausdrücken kann. Es kann sein, dass man vom eigenen Standpunkt überzeugt ist, aber nicht in Worte fassen kann, warum. Dies kann geschehen, weil man a) sich nicht artikulieren kann. Die guten Argumente wären vorhanden, aber kann sie nicht in Worte fassen. Das kann man lernen. Die Lektüre guter Bücher, Zeitungen, Zeitschriften usw. ist dabei sehr hilfreich. b) Man vertritt einen Standpunkt intuitiv, ohne selbst genau zu wissen warum. Es fühlt sich einfach richtig an. Dann sollte man dem auf den Grund gehen. Entweder findet man dabei die klärende Bestätigung oder man entdeckt, eben doch nicht im Recht zu sein. Manchmal täuscht uns unser Gefühl eben. Dies zuzugeben ist keine Schande, ganz im Gegenteil.
  • Dass man sehr emotional auf das Diskussionsthema reagiert. Wenn das Temperament mit uns durchgeht, kann es schnell passieren, dass wir Aussagen machen, hinter denen wir nicht wirklich stehen. Sie sind übertrieben, zu aggressiv, unbedacht. Auch da ist es zuzugeben und sich gegebenenfalls zu entschuldigen die beste Idee. Kann passieren, ist auch keine Schande. Schlimm wird es erst, wenn man die Grösse nicht aufbringt, etwas zurückzunehmen und dann, im sinnlosen Versuch, den eigenen Stolz zu wahren, eine solche Aussage auf-Teufel-komm-raus zu verteidigen versucht, meist mit immer unsachlicheren Argumenten.

Wenn man im Recht ist, hat man immer gute, sachliche Argumente. Sobald man keine mehr findet, muss man sich ernsthaft fragen, ob der eigene Standpunkt wirklich der richtige ist. Ich wiederhole es: Es ist keine Schande, selbst nach einer angeregten Diskussion zuzugeben, dass man doch falsch liegt. Es zeugt von Intelligenz, Grösse und Selbstsicherheit, es zugeben zu können.

Ich denke, mit einer guten Diskussionskultur fährt jeder von uns besser, sei es im beruflichen, öffentlichen wie auch im privaten, familiären Umfeld. Noch wichtiger finde ich sie aber im öffentlichen Diskurs, bei Leuten, die aufgrund ihrer beruflichen, akademischen oder politischen Position die Ausgestaltung unserer Gesellschaft stark beeinflussen. Denn selbst wenn sich eine dieser Personen für das Richtige einsetzt, dabei aber schlecht argumentiert, dann verliert die ganze Angelegenheit an Glaubwürdigkeit. Dadurch verliert sie möglicherweise an Unterstützung, die sie aber verdienen würde. Und das schadet uns schliesslich allen.

 

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11 Gedanken zu „Eine Diskussion über Diskussionskultur“

  1. Ein Beispiel ist, dass wenn man heute kritisch gegenüber dem Multikulturalismus ist, man sofort als Nazi bezeichnet wird. Zumindest erlebe ich das in Deutschland so. Mehr dazu auf meinem Blog.

  2. Aus meinem Herzen gesprochen. Und schlimm finde ich, dass ganz oft Twitter-Diskussionen auf die persönliche Ebene abdriften. Dafür können wir wohl die 140 Zeichen schuldig sprechen…aber manchmal sind es halt auch einfach die falschen Diskussionspartner.

    1. Naja, ich denke, wenn man will, muss man auch trotz der 140 Zeichen nicht abdriften. Glücklicherweise gibt’s genug Twitter, die das beherrschen. Das sind dann wohl die besseren Diskussionspartner ;-)

    1. Ja, ich denke auch, dass Angst in diesen Fällen eine Rolle spielen kann und es oft auch tut. Wut und Zorn sind oft versteckte Angst und somit kann unfaires, persönliches Argumentieren auch ein Ausdruck davon sein. Danke, Peter!

  3. Ich denke, anderen Recht zu geben (und sich z.B. auch aufrichtig zu entschuldigen) ist eine der am meisten unterschätzten rhetorischen Handlungen. Es zeugt von einer gewissen Sicherheit und Stärke und verbessert die Situationen, wo man sich im Recht glaubt.
    @SwissRoman: Als aktiver Twitterdiskutierer halte ich einen Teil davon für Sport. Gespräche mit gewissen Diskussionspartnern betrachte ich einfach als Unterhaltung, bei der ich sehen will, wie sich der Schlagabtausch entwickelt. Es ist allen Beteiligten klar, die nicht völlig naiv sind, dass kein Erkenntnisfortschritt möglich ist.

  4. Danke, Philippe, bin ganz deiner Meinung, in beiden Punkten. Ich sehe Diskussionen auf Twitter oft auch so. Und ich finde sie eine gute Übung, um sich kurz aber gut und prägnant ausdrücken zu lernen.

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