Homosexuelle Eltern an der Gay Pride in San Francisco

Toleranz ist nicht das Ziel

Toleranz wird in der westlichen Welt als hohes Gut angesehen. Der moderne, aufgeklärte Mensch will tolerant sein. Wir sind stolz auf diesen Wert und heben uns damit gerne von anderen Kulturkreisen ab, beispielsweise den islamischen Staaten in Asien und Afrika, die wir als intolerant beschimpfen.

Toleranz ist auch notwendig, um den Alltag möglichst reibungslos zu meistern. Wir tolerieren laute Nachbarn, unfreundliche ÖV-Benutzer, Strassenlärm und vieles mehr, weil wir diese vielen kleinen Unannehmlichkeiten nicht ständig bekämpfen können.

Doch was ist Toleranz denn eigentlich? Es ist ein Erdulden, wobei der Erduldende der Norm entspricht und der Erduldete nicht. In vielen Wissenschaften wird Toleranz als eine Art mit unerwünschten Abweichungen oder einem Eindringling umzugehen angesehen. Es geht also um den Umgang mit etwas, womit man sich lieber nicht gar nicht beschäftigen müsste.

Homosexuelle Eltern an der Gay Pride in San Francisco
Homosexuelle Eltern an der Gay Pride in San Francisco (Quelle: flickr.com, CC Lizenz)

Diese negative Konnotation des Tolerierten macht Toleranz in gewissen Bereichen gefährlich. Nämlich dann, wenn es nicht um den Lärm der Nachbarn geht, sondern um gesellschaftlich und politisch wichtige Themen geht wie die Stellung der Homosexuellen, Kranken, Ausländer oder Flüchtlinge in der Gesellschaft. Hier für Toleranz zu kämpfen ist ein guter Anfang, darf aber nicht das Ziel sein. Die Gewichtung der Toleranz kann dazu führen, dass wir uns damit zufrieden geben. Dabei übersähen wir aber, dass Toleranz nicht Gleichstellung ist. Tolerierte dürfen koexistieren, jedoch innerhalb engerer Grenzen und unter speziell für sie geltende Bedingungen. Jüngstes Beispiel war die CVP, die zwar meinte Homosexuelle zu tolerieren, gleichzeitig aber die Ehe unter Homosexuellen in der Schweiz rechtlich verunmöglichen wollte. (Nach neuesten Meldungen zeigt sich die CVP bereit, in diesem Punkt nachzugeben.)

Wir müssen also aufpassen, Toleranz als Zwischenziel zu sehen, statt als höchstes Gut. Ansonsten versperrt sie uns den Weg zur Gleichstellung, Gerechtigkeit und Freiheit aller.

 

Quelle: Wendy Brown on Tolerance – philosophybites.com

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4 Gedanken zu „Toleranz ist nicht das Ziel“

  1. In der Brust der Toleranz schlägt oft ein faschistoides Herz. Die Perspektive auf das Andere kann eine verhängnisvolle sein, wenn sie sich des Eigenen zu sicher ist.

  2. Zuerst sollte man mal genau umschreiben, was Toleranz bedeutet.

    Der Toleranzbegriff kam in der Aufklärung auf und bedeutete die Anerkennung anderer Sichtweisen, weil man selber nie absolut sicher sein kann, dass die eigene Sicht “wahr” ist. Heute aber, so scheint mir, hat Toleranz eine etwas andere Bedeutung: Es ist oft eine Art des “anything goes”. Nicht mal unbedingt, dass man sich interessiert für den anderen, sondern es ist eine Beliebigkeit, oft sogar aus Angst, eine eigene Position zu vertreten. Dann aber ist Toleranz wirklich nicht das Ziel

  3. @Ralph:

    Wenn Toleranz so verstanden wird, wie du es beschreibst, ist sie ebenfalls nichts Positives, da bin ich mit dir einverstanden. Ich denke aber, das ist im eigentlichen Sinne des Wortes nicht Toleranz, sondern Gleichgültigkeit, gesellschaftliche Teilnahmslosigkeit oder, wie du sagst, Angst.

Was meinst du dazu?