psychisch Kranke

Gesetzlich verordnete Diskriminierung

Für das laufende Jahr wird die IV zum ersten Mal seit vielen Jahren keinen Verlust einfahren. Und sie muss weiterhin sparen: Das Parlament hat sie beauftragt, bis 2014 weitere 4500 Renten zu streichen. An dieser Stelle geht es mir nicht darum, in Frage zu stellen, ob weitere Einsparungen nötig sind, und falls ja, ob sie am sinnvollsten in Form von Rentenstreichungen zu erfolgen haben. Für meine weiteren Überlegungen gehe ich davon aus, dass beide Fragen mit ja beantwortet werden können.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, welche Renten gestrichen werden sollen. Das Bundesamt für Sozialversicherungen gibt uns eine Antwort: “vor allem […] jüngere Personen und auch […] Personen mit psychischen Krankheiten” (Quelle). Zum möglichen Vorwurf, dass junge IV-Rentner gegenüber Älteren diskriminiert werden, kann zu Gunsten des Herrn Rossier, Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen, angenommen werden, dass man auf die Wiedereingliederung von über 55-jährigen verzichtet, selbst wenn sie möglich wäre, weil der wirtschaftliche Nutzen gering wäre, dafür der Aufwand erheblich grösser als bei Jüngeren.

Aber wie soll die Diskriminierung von psychisch kranken Menschen zu rechtfertigen sein? Es gibt Regalkilometer wissenschaftlicher Studien, Artikel und Bücher, welche die Realität und die Auswirkungen psychischer Krankheiten belegen. Nichtsdestotrotz beschliesst die Schweiz, so zu tun, als seien sie und ihre Folgen nicht real. Als wären psychisch Kranke, sowie Schmerzpatienten (auch bei ihnen soll der Rotstift angesetzt werden, laut Botschaft und Gesetzestext zur 6. IV-Revision) allesamt Simulanten und Schmarotzer. Als wären nur Krankheiten oder Behinderungen real, die man anhand von Röntgenbildern, Laborwerten oder sonst wie sehen kann. Dieses Verschliessen der Augen vor der Realität schafft doppelt Probleme: Erstens stellt es ein vorhandenes Problem viel grösser dar, als es tatsächlich ist, indem es dem Volk signalisiert, dass das Land voller fauler Schmarotzer ist. Somit werden die Anstrengungen auf Ihre Bekämpfung gerichtet. Ich will gar nicht abstreiten, dass es solche gibt, aber wegen einer Minderheit alle psychisch und Schmerzkranke zu diskriminieren schafft ein noch viel grösseres Problem. Zweitens: Dass wir die Augen vor dem rasanten Anstieg an psychischen Leiden in der Gesellschaft verschliessen, ändert nichts daran, dass dem so ist. Und dass wir diesen Menschen mit Rentenkürzungen drohen, wird sie nicht arbeitsfähiger machen. Dies ist kein Problem, das mit Kraft gelöst werden kann.

Der von Stefan Ritler, IV-Chef, vorgeschlagene Weg, Schmerzpatienten durch Arbeit zu therapieren, ist lächerlich, zynisch und angesichts seines Studiums der Psychologie höchst peinlich! Ich mag es ihm und jedem anderen gönnen, der noch nie schlimme Schmerzen erleiden musste. Aber sie sollten sich vor Aussagen über Sachverhalte hüten, die sie weder persönlich kennen noch sich die Mühe gemacht haben, sich fundiert darüber zu informieren. Von leichten Schmerzen mag man sich durch Arbeit oder anderweitige Beschäftigung ablenken. Bei schlimmen Schmerzen, solchen Schmerzen, die viele von uns nur vom Hörensagen kennen, schwankt man zwischen totaler Lähmung, die buchstäbliche Unmöglichkeit, sich auch nur Millimeter weit zu bewegen, ohne dass die Schmerzen einen unerbittlich anpeitschen, und dem Wahnsinn, dem Wunsch, sich das entsprechende Körperteil abzuschneiden, dem Wunsch, K.O. geschlagen zu werden, wenn die Schmerzen dadurch nur aufhören. Solche Schmerzen hinterlassen eine Müdigkeit, die sich anfühlt, als hätte man schwere Schlafmittel genommen. Dagegen ist nicht anzukämpfen, auch mit starker Willenskraft nicht.

Wenn es also tatsächlich so ist, dass die Schweiz es sich nicht mehr leisten kann, allen arbeitsunfähigen Menschen eine IV-Rente in der heutigen Höhe zu entrichten, dann müssen wir uns mindestens bemühen, die Konsequenzen dieses Problems möglichst fair zu verteilen. Ich habe jedoch starke Zweifel, dass wir an diesem Punkt sind. Wir sollten uns also darauf konzentrieren, unsere Gesellschaft so zu formen, dass sie das Vorkommen psychischer Krankheiten nicht begünstigt und Kranke nicht marginalisiert, deren Leiden nicht sichtbar sind.

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Ein Gedanke zu „Gesetzlich verordnete Diskriminierung“

  1. Das wirklich perfide an der ganzen Sache ist, dass das Problem der steigenden Invalidisierungen aus psychischen Gründen zu einem nicht unerheblichen Teil auch von der IV selbst mitverursacht wurde. Es wurde früher auch Leuten eine IV zugesprochen, die man – bei entsprechender Unterstützung zumindest in Teilzeit – im Arbeitsprozess hätte halten können (und oftmals hätten die Betroffenen sich dies auch gewünscht). Dafür waren aber weder IV noch die Arbeitgeber bereit. Es gab bis vor wenigen Jahren keinerlei solche Programme, es gab keine Forschung bezüglich Integration von psychisch Kranken von seitens des BSV, ja es gab bis vor einem halben Jahr nicht einmal verbindliche Richtlinien für psychiatrische IV-Gutachten.

    Früher hat man psychisch Kranke für generell nicht arbeitsfähig gehalten (es hat auch niemanden interessiert, was für die Betroffenen das Beste wäre), heute hält man (aus Spargründen) fast alle für arbeitsfähig, beides ist gleichermassen undifferenziert und dumm.

Was meinst du dazu?