Aus Egoismus für soziale Gleichheit

Aus freisinnigen Kreisen hört man oft, dass Einkommensunterschiede durch Leistung gerechtfertigt seien. Wer mehr leistet, soll es auch zu mehr bringen. Wer mehr Verantwortung übernimmt, soll dafür entlöhnt werden. Damit bin ich einverstanden.

Doch die Unterschiede, die heute in den meisten Ländern üblich sind, haben nichts mehr mit Leistung zu tun. Die heutigen 1’226 Dollarmilliardäre (siehe Tagesanzeiger.ch) haben ihre bis zu 69 Milliarden nicht selbst erarbeitet. Die ersten Millionen vielleicht schon (wenn sie nicht geerbt wurden, wie bei vielen auf dieser Liste), doch danach wächst das Einkommen und Vermögen, weil sie ihr Kapital arbeiten lassen. Auch das ist grundsätzlich gut, denn es kommt anderen zugute, wenn Investitionen getätigt werden. Problematisch sind die unzähligen, so kreativen wie komplizierten fiskalischen Tricks, mit denen Vermögende allerlei Steuern umgehen. Das sind Vorgänge, die in keinerlei Verbindung zur Leistung dieser Leute stehen.

Zur Frage der richtigen Entlöhnung für die Übernahme von Verantwortung in grossen Unternehmen kann man heutzutage nur bitter lächeln, wo kaum ein Manager für Schäden seiner Firma geradesteht, sondern höchstens mit einer millionenhohen Abgangsentschädigung in eine andere Firma wechselt, wo er wieder “Verantwortung übernimmt”.

Es geht mir in diesem Beitrag nicht so sehr um die krassen oben erwähnten Beispiele, sondern um Ungleichheit an sich. Wie gesagt bin ich dafür, dass jemand, der bessere Leistung erbringt oder – tatsächlich – Verantwortung übernimmt, auch mehr verdient, als andere, die weniger leisten und keine Verantwortung tragen. Aber ist es gerechtfertigt, dass jemand, der mehr Chancen bekommen hat, mehr besitzt, als jemand, der nie erst die Möglichkeit bekam, sich zu beweisen? Führen wir uns die hohe Anzahl an Menschen vor Augen, die nie Zugang zu Bildung bekommt. Wenn wir lokaler denken wollen, führen wir uns die immer noch hohe Anzahl an Menschen vor Augen, die keine ihrem Potenzial angemessene Ausbildung bekommt, weil sie keine passende Lehrstelle finden oder sich kein Studium leisten können. Wie viele Einsteins mögen für immer unerkannt unter ihnen weilen? Wie viele weltverändernde Entdeckungen und Entwicklungen verpassen wir wegen unserer ungleichen Gesellschaft? Auf wie viel Talent verzichten wir, obwohl wir es uns gar nicht leisten können?

Und ist es ok, wenn jemand in Armut leben muss, nur weil er mit niedriger Intelligenz (zumindest was die in unserer Gesellschaft gefragten Arten von Intelligenz angeht) geboren wurde? Oder weil er krank ist? Weil er schwach ist? Hartgesottene argumentieren, dass dies die natürliche Auswahl ist, wie Charles Darwins Survival of the Fittest. Aber was ist an einer Gesellschaft so erstrebenswert, die einzig aus starken, gesunden und gescheiten Menschen besteht? Würde diese Gesellschaft nicht bald auseinanderfallen? Würden ihr nicht wesentliche menschliche Attribute wie Empathie und Toleranz abhanden kommen? Würde sie nicht bald zu einem eifernden, rücksichtslosen Haufen verkommen? Wahrscheinlich würde sich eine solche Gesellschaft wieder spalten. Es würde sich wieder eine Gruppe finden, die “weniger Wert” ist als die Übrigen. Dieser Prozess würde sich wiederholen, bis es keine Menschen mehr gäbe. Wenn wir Pech haben, sind wir schon mittendrin…

Wie rechtfertigen wir es, dass Menschen ein reiches Leben führen, bloss weil sie reich geerbt haben? Nehmen wir als Beispiel die zweitreichste Frau der Welt: Lilliane Bettencourt. Ich weiss nichts über ihre Intelligenz, aber selbst wenn sie hoch gewesen sein sollte (denn heute ist sie sowieso durch Demenz beeinträchtigt), hat sie nichts Bedeutendes daraus gemacht. Sie hat geerbt und gut gelebt, das Meiste Aufsehen hat sie durch die politische Vergangenheit ihres Ehemannes und ihrer angeblichen Steuerhinterziehung erregt. Konsequent dem Leistungsprinzip nach, müsste man solche Menschen zumindest teilweise enteignen…

Wäre das Leistungsprinzip nicht entscheidend besser, wenn nicht die absolute Leistung sondern die zu den Möglichkeiten relativen Leistung belohnt würde? Es ist mir klar, dass dieses Prinzip nicht ohne Weiteres umzusetzen ist. Aber eine grundlegende Änderung unserer Gesellschaft ist ohnehin dringend nötig.

Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft beeinträchtigt zeigt Richard Wilkinson, Emeritierter Professor in Sozialer Epidemiologie der University of Nottingham, in einer Präsentation zu seinem Buch “Gleichheit ist Glück”. Die Präsentation, ein TED-Talk von ca. 16 Minuten, ist hier zu sehen und absolut empfehlenswert:

Anhand von Daten der UN zeigt er auf, wie die Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft direkt mit Problemen wie niedriger Bildungsstand, Kindersterblichkeit, Morde, hohe Anzahl von Gefängnisstrafen, Elternschaften unter Minderjährigen, Vertrauensmangel, seelische Krankheiten, Sucht, mangelnde soziale Mobilität, Übergewicht und niedrigem Kindeswohl korreliert. So finden in Portugal und den USA – beides Länder mit hoher Ungleichheit – bloss ca. 15% bzw. ca. 38% der Menschen, dass sie anderen vertrauen können, während dies in Schweden und Norwegen, wo weniger Ungleichheit herrscht, jeweils über 60% sind. Seelische Krankheiten treffen in den USA über 25% der Bevölkerung, in Japan, einer weit weniger ungleichen Gesellschaft, nur weniger als 10%. In den USA sitzen pro 100’000 Einwohner 400 Gefängnisstrafen ab, in Japan sind es deren 50. Dies liegt nicht nur an der Anzahl der Straftaten, sondern vor allem daran, dass ungleichere Gesellschaften zur Verhängung von strengeren Strafen neigen.

Wie Gleichheit erreicht wird, ist dabei egal: Schweden hat hohe Einkommensunterschiede aber auch hohe Steuern und einen grossen Sozialapparat. Japan hingegen hat geringe Einkommensunterschiede und Steuern. Wichtig ist das Ergebnis: das soziale Gefälle ist flacher und den Menschen geht es besser. Dies gilt vor allem für die Ärmeren, aber nicht nur. Auch diejenigen, die höheren sozialen Schichten angehören, profitieren vom sozialen Ausgleich, z.B. in deren Gesundheit. Denn wo weniger Ungleichheit ist, herrscht weniger sozialer Druck sich zu behaupten, den Status und das Selbstwertgefühl zu wahren. Und solcher Stress ist nachgewiesenermassen sehr gesundheitsschädigend, weil er zu sehr hohen Cortisolausschüttungen führt (verglichen mit anderem Stress). Unter den Folgen einer übermässigen Cortisolausschüttung finden wir Krankheiten, die für alle Schichten unserer Gesellschaften typisch sind: Übergewicht, Diabetes, Depression.

All jenen, die nicht aus intrinsischen, ethischen, moralischen Gründen dazu motiviert sind, die grosse Ungleichheit in unserer Gesellschaft zu bekämpfen, sei hiermit also ein rationaler Beweggrund gegeben, der das Egoistische in jedem von uns anspricht.

 

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