Nachdem ich am letzten 5. Februar meinen ersten Blogeintrag über Syrien (siehe “Selektive Mutanfälle”) online stellte, las ich verschiedene Stellungnahmen von Politikern und Gelehrten, die davor warnten, sich von Emotionen wie Mitleid und Wut leiten zu lassen und sich in ein Konflikt einzumischen, das uns (nicht-Syriern) nichts angeht. Man könne dabei viel Schaden anrichten, weil man die komplexe Lage nicht genau versteht, weil man dabei selbst zivile Opfer verursachen kann, weil man möglicherweise das Volk bevormundet und ihm die Möglichkeit nimmt, sich seine Freiheit und Selbstbestimmung eigenhändig zu greifen und weil danach – nach einer fremden Intervention – ein gefährliches Machtvakuum entstehen könne.
Diese Argumente gegen eine Intervention kann ich nachvollziehen. Doch das Gefühl, dass es nicht richtig sein kann, nicht einzugreifen, während in Syrien zivile Menschen gefoltert und getötet werden, lässt sich davon nicht abschwächen. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man sich in erster Linie selbst helfen soll. Das versuchte das Syrische Volk, indem es anfing, friedlich gegen seinen Herrscher zu protestieren. So weit kein Grund sich einzumischen. Die Lage eskalierte aber bald: Assad lässt auf unbewaffnete Demonstranten schiessen, er tötet Zivilisten – Frauen, Männer, Kinder und Alte, ganze Dörfer – wenn er vermutet, dass sie zu den Oppositionellen gehören. Er lässt sie verhungern und verdursten, lässt weder Medikamente noch Ärzte zur Bevölkerung. Ärzte, die sich trotzdem durchschmuggeln und zu helfen wagen, laufen grosse Gefahr, selbst ermordet zu werden. Assads Regime erhält Hilfe vom Iran (Soldaten) und von Russland und Nordkorea (Waffen). Das Regime ist ganz klar stark genug, um die Opposition niederzuschlagen.
Auch ohne die Frage zu beantworten, welche Seite hier im Recht ist (wofür es meist eh keine einfache Antwort gibt), ist es doch so, dass eine Seite keine Möglichkeit mehr hat, sich selbst zu helfen. Dürfen wir zulassen, dass sie entweder ihre Hoffnung auf Selbstbestimmung oder ihr Leben aufgeben müssen?
Wir müssen nicht hingehen und dem syrischen Volk eine fixfertige Demokratie nach unserem Vorbild hinterlassen. Wir müssen ihnen nicht beibringen, wie sie sich zu organisieren haben, wen sie zu wählen haben, wenn Assad nicht mehr an der Macht ist. Wir sollen auch nicht intervenieren und dann jahrzehntelang noch im Land bleiben.
Es muss doch möglich sein, mit einem Eingriff das tägliche Morden von Kindern, Frauen, Alten und unbewaffneten Männern zu stoppen und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Syrier, die in ihren Häusern eingeschlossen hungern müssen und sich nicht auf die Strasse trauen, weil überall Scharfschützen lauern, bitten uns – den Westen – täglich um Hilfe. Über das Internet und über die wenigen Mitglieder von internationalen Organisationen, die sich in diese Gebiete wagen bzw. es dorthin schaffen, appellieren sie an uns. Von ungewolltem Einmischen oder Bevormundung unsererseits kann also nicht die Rede sein. Würden wir durch eine Intervention mehr zivile Opfer riskieren als sie täglich von Assads Truppen ermordet werden? Wohl kaum. Durch ihn sind bereits 10’000 Menschen gestorben. Viele mehr sind verwundet und wurden gefoltert.
Mit dem Vakuum, das danach womöglich erstmal entsteht, muss das syrische Volk selbst umgehen. Das geht uns dann nichts mehr an. Sie bitten uns um Schutz, Nahrung und medizinische Versorgung. Nicht darum, ihnen eine neue Regierung zu bilden. Das wird deren Chance, ihren Staat neu zu erfinden. Für diese Möglichkeit kämpfen und sterben sie seit 15 Monaten. Darauf haben sie ein Anrecht. Und wir haben die Verpflichtung, alles zu tun, was in unserer Macht steht, damit sie dieses Rechts nicht beraubt werden.
Nach dem Massaker von Houla am Freitag gibt sich die internationale Gemeinschaft empört und schockiert. Die Regierungen vieler Staaten und die UNO verurteilen das Geschehene scharf. Tun gleichzeitig aber nichts, um weitere Massaker zu verhindern. Letzte Nacht wurde eine weitere Stadt beschossen, Hama, 10 Minuten vom Hotel der UNO-Beobachter entfernt. Assad führt die Beobachter vor. Russlands Aussenminister macht unter anderem die syrische Armee für das Massaker verantwortlich, während eine russische Waffenlieferung auf dem Weg nach Syrien ist, für Assads Truppen. Welch ein Trauerspiel, die sogenannten Leader dieser Welt!
Siehe auch:
Selektive Mutanfälle vom 5. Februar 2012
Quellen:
AlJazeera – “Syria: ‘Why is the world not doing anything to help us?’”
ynetnews.com – “Iran confirms sending troops to Syria”
Twitter – @HamaEcho
SF – “UNO-Beobachter bestätigen Massaker in Syrien”
SF – “UNO: Nordkoreanische Waffen für Syriens Regime”
20 Minuten online – “Ärzte in Syrien unter Dauerbeschuss”
BBC News – “Syria crisis: Houla child massacre confirmed by UNO”
The AFPAK Channel – “Syrian intervention: Let’s not pull another Afghanistan”
Stern.de – “UN-Sicherheitsrat verurteilt Syrien wegen Hula-Massaker”

