lonely girl

Da sein

Damals war es mir nicht bewusst, aber retrospektiv sehe ich klar, dass es eine lange Zeit gab, in der ich immer wieder depressiv war. Ich ging raus, um zu arbeiten und exzessiv zu feiern, ansonsten war ich allein zu Hause. Allein war ich schon immer gern, auch heute noch. Doch damals war das Alleinsein keine Erholung von den alltäglichen Interaktionen mit Menschen, die stets Leichtigkeit und oberflächliches Geschwätz erwarten, was mir nicht von Natur aus gegeben ist und ich deshalb als recht anstrengend empfinde. Damals tat es körperlich weh, allein zu sein. Es war ein beengendes, schmerzhaftes Gefühl in der Brust. Manchmal versuchte ich, den Schmerz laut ins Kissen zu schreien. Aber was wirklich half, das Einzige, was half, war, zu wissen, dass es jemand gab, der mich wirklich kannte, den die Euphorie des Feierns und die Härte nicht täuschten. Er war nicht da, wir hatten selten Kontakt, aber ich wusste, dass ich in seiner Erinnerung war. Und ich wusste, dass, sollte der Schmerz unerträglich werden, ich auf ihn zählen konnte. Die Gewissheit hat immer gereicht. Die Gewissheit war wichtiger, als irgendeine tatkräftige Hilfe. Die Gewissheit hat mich durch viele einsame Sonntage gebracht.

Heute ist jemand, den ich sehr liebe, depressiv. Und so muss ich nun damit umgehen, nichts dagegen tun zu können, als einfach nur da zu sein. Da sein und hoffen, dass es reicht. Denn es fühlt sich nicht nach viel an. Ist es aber.

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3 Gedanken zu „Da sein“

  1. Treffende Zeilen, danke.
    Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn einem später, viel später bewusst wird, dass man zwar in der Nähe eines depressiben Menschen gewesen war, sehr nah sogar, von aussen betrachtet und sehr verlässlich in den täglichen Dingen, aber eben nicht wirklich einfach da.

  2. Vielen Dank für Deine Offenheit und Deinen Mut. Es geht vielen Menschen so, aber die wenigstens sind sich dessen bewusst. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Zum Glück ist das schon einige Jahre her.

  3. Diese Erfahrung machte ich auch einmal, sehr viel später verstand ich dass ich jene Persone war an den sie immer dachte in schwierigen Perioden.Heute gebe ich viel mehr acht um mich nicht von glitter und Glanz täuschen zu lassen und versuche die Menschen in ihrem wahren Licht zu entdecken

Was meinst du dazu?