Entnahme von Speichelprobe für DNA-Test.

Sicherheit hat einen Preis

Am Mittwoch hat der Nationalrat eine Motion Christophe Darbellays angenommen, worin er zur Bekämpfung der Kriminalität von “bestimmten Asylsuchenden” DNA-Tests fordert.

Die Forderung an sich ruft bei mir verschiedene Gedanken und Gefühle hervor, je nach Perspektive. Als Ausländerin in der Schweiz (wenn auch nicht durch Asyl) bin ich sehr dankbar für die Sicherheit, nebst vielen anderen Vorteilen, die ich hier geniessen darf. Für Flüchtlinge ist diese Sicherheit noch viel wichtiger, denn sie flüchten ja vor Bedrohungen an Leib und Leben. Da scheint die Abgabe von DNA-Proben mittels Abstrich an der Mundschleimhaut ein kleiner Preis.

Wenn ich mir aber vorstelle, man würde von mir eine solche Probe verlangen, weil ich Ausländerin bin, dann wüsste ich nicht, ob ich dem zustimmen würde. Ich würde mich nicht willkommen fühlen, nur geduldet, unerwünscht. Ich hätte Mühe Schweizern zu vertrauen, denn sie vertrauten mir ja nicht. Ich wäre in meiner Integration gehindert, denn ich wäre für die Gesellschaft anders, eine Gefahr, nicht gleichwertig. Wie wir Asylsuchende behandeln, hat nicht nur praktische Auswirkungen auf Sicherheit, Kosten und Effizienz. Wie diese Menschen bei ihrer Ankunft in der Schweiz behandelt werden wirkt sich auf ihr Verhalten uns gegenüber aus. Und es prägt die Art und Weise wie die Bevölkerung Asylsuchende wahrnimmt. Wenn der Bevölkerung signalisiert wird, Asylsuchende seien gefährlich, dann haben diese Leute keine Chance, sich bei uns zu integrieren. Dann sorgen wir dafür, dass sie unsere Ängste bestätigen. Dabei gehören Asylsuchende zu den schwächsten Gruppen der Gesellschaft. Schwach, schutzlos und von der Schweiz als mögliche Asylgeberin komplett abhängig.

Aber, abgesehen davon, dass die Abgabe der DNA nur von “bestimmten Asylsuchenden” gefordert wird, was an sich schon eine Diskriminierung ist: Ist der Unterschied zwischen Fingerabdrücken und DNA-Auswertung wirklich so entscheidend? Denn schon heute müssen alle Asylsuchende ihre Fingerabdrücke hinterlegen. Ich gehe davon aus, dass die DNA nur auf Identifizierungsmerkmale (also beispielsweise nicht auf Krankheiten) hin ausgewertet würde und nur diese langfristig hinterlegt würden, also nicht die DNA-Proben selber. Kann es sein, dass wir auf die Forderung nach DNA-Proben viel emotionaler reagieren, weil wir DNA-Analysen mit Krankheiten-Screenings, Selektion menschlicher Embryonen usw. assoziieren? Denn die Diskriminierung, von der ich im oberen Absatz schrieb, ist auch durch die systematische Abnahme von Fingerabdrücken gegeben. Warum akzeptieren wir diese, wehren uns aber gegen eine DNA-Datenbank?

“Die Grundrechte über unsere Sicherheit im Alltag zu stellen, finde ich falsch.”

Diesen Satz hat Christophe Darbellay in einem Interview geäussert. Der Gedanke ist verführerisch. In Zeiten und Breitengraden, wo wir unsere Grundrechte selbstverständlich geniessen, nehmen wir sie gar nicht mehr richtig wahr. Wir haben keine Vorstellung mehr davon, wie es ohne war. Also sehnen wir uns nach dem, was uns unserem Gefühl nach fehlt: die Sicherheit. Die Sicherheit und eines unserer Grundrechte, die Freiheit, schliessen sich aber ein Stück weit gegenseitig aus. Wir können nie in hohem Masse sicher und gleichzeitig in hohem Masse frei sein. Wir sollten darüber nachdenken, zu welchem Preis das Streben nach Sicherheit kommt, und wie viel Sicherheit wir uns leisten wollen. Dazu können wir die Entwicklung in den USA seit 9/11 betrachten. Denn wenn wir anfangen, unsere Sicherheit über ihre Grundrechte (der Asylsuchenden) zu stellen (was an sich verwerflich genug ist!), wird es nicht lange gehen, bis auch unsere Grundrechte anfangen zu erodieren. Dann sind wir vielleicht ein Stück mehr vor einander geschützt, dafür aber weitgehend fremdbestimmt und streng kontrolliert. Wir sitzen dann in sicheren Zellen.

 

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10 Gedanken zu „Sicherheit hat einen Preis“

  1. Ich finde es grossartig, dass du die Frage nach den Methoden der DNS-Tests stellst – ich denke hier gibt es wirklich grosse Informationsdefizite (und ich sehe keinen eindeutigen “Schuldigen” – sowohl die Bürger stehen in der Pflicht sich zu informieren, als auch die Behörden/Unis besser zu informieren).

    DNS-Test bedeutet in diesem Zusammenhang “genetischer Fingerabdruck” und zu diesem Zweck wurde und wird nie eine vollständige Sequenzanalyse vorgenommen. Welche Methoden effektiv zum Einsatz kommen weiss ich auch nicht, prinzipiell schaut man aber zur eindeutigen Identifizierung eines Individuums (möglich mit allen Lebewesen!) einige klar definierte Stellen im Genom an (“einige” = ca. 8 – 15; “klar definierte Stellen” = je nach Spezies verschieden).

    Mögliche Untersuchungsmethoden sind z.B. RFLP, AFLP, STRs, SNPs wobei wahrscheinlich genau festgelegt ist, was für den gerichtlichen Einsatz anerkannt ist. RFLP ist eine Uraltmethode, die aber vermutlich noch immer im Einsatz ist (weil genügend zuverlässig), modern wären SNPs oder Microsatelliten.

    Die Bedenken von wegen man könnte auch Rückschlüsse auf Krankheiten ziehen kann ich aber guten Gewissens zerstreuen. Klar kann es allenfalls Korrelationen geben (die Markerstelle 7 weist bei Cytosin auf 17%-ige Chance für Krankheit XY hin) – doch 1. wäre das Zufall (die Markerstelle wurde nicht deswegen ausgesucht, sondern weil sie eine gute Identifizierung ermöglicht), 2. es sind bloss Korrelationen, 3. niemand untersucht diese Proben auf solche Zusammenhänge (weil a priori ungeeignet).

    Man kann solche DNS-Tests also gar nicht auf bestimmte/beliebige Krankheiten oder Eigenschaften hin weiter untersuchen – weil die Sequenz gar nicht vorliegt. Alles was man hat sind die 8 – 15 Stellen (das kann im Falle von SNPs eine einzige Base pro Stelle sein!) meist weiter uninteressant sind.

    PS – Alle Abkürzungen finden sich in der Wikipedia (auch wenn ich die Texte dort nicht immer ganz verstehe… etwas wirr manchmal)

    PPS – Soll nicht belehrend sein, ich war vom Text begeistert und wollte etwas beisteuern. Sollte ich etwas verdreht haben bitte unbedingt kritisieren.

    1. PPPS ich behaupte “2. es sind bloss Korrelationen”, weil sich diese Marker-Stellen praktisch immer in nicht-kodierenden Regionen des Genoms befinden (eine Mutation an dieser Stelle führt also keineswegs direkt zu einem veränderten Protein oder einer veränderten Expressionsrate)

      1. Noch ein Nachtrag: Gerade fällt mir auf, dass mir überhaupt nicht klar ist was genau gespeichert und aufbewahrt würde. Ist es bloss die (digitalisierte) Information oder werden die Proben selbst auch tiefgekühlt gelagert?

        Alles was ich vorbringe gilt natürlich nur für den Fall, dass NUR die Information gespeichert wird und die Proben vernichtet werden.

    2. Vielen Dank für deine Erklärungen und Präzisierungen zur DNS. Du scheinst dich gut auszukennen, deshalb fände ich deine Meinung zur folgenden Frage besonders interessant: Findest du, dass das Sammeln von DNS-Proben zur allfälligen Identifikation von Tätern (wie von der Motion gefordert) mit dem heutigen Sammeln von Fingerabdrücken gleichgesetzt werden kann?

      1. Nur um keinen falschen Eindruck zu erwecken, ich bin ein komischer Kauz und meine Meinung ist völlig irrelevant und auf die Sache bezogen kenne ich mich nicht wirklich gut aus. Aber ich antworte gerne wie ich kann:

        1. Es ist völlig inakzeptabel Sonderrecht für willkürliche Bevölkerungsgruppen zu schaffen – dazu noch _gegen_ Leute in einer absoluten Position der Schwäche.

        2. Vor zwei Jahren (?) habe ich FÜR die Schaffung von DNS-Datensammlungen bei Straftaten gestimmt (wurde abgelehnt). Das hätte alle gleich behandelt egal ob Schweizer, Ausländer oder Asylsuchender. Meine Ansicht war just so wie du es beschreibst: An der Sache ist – ausser grösserer Zuverlässigkeit – nichts anders als bei Fingerabdrücken.

        3. Emotional fiel mir die Entscheidung damals aber auch nicht so leicht – und heute tendiere ich auch eher zu grösserer Vorsicht beim Datensammeln auf Vorrat. Sehr problematisch wird es, wenn begonnen wird bei Teenagern wegen Lapalien DNS-Proben zu nehmen und die dann ein Leben lang (und länger…) vorhanden bleiben.

        4. Der Unterschied zu Fingerabdrücken ist (bzw. der der mir einfällt): DNS-Datenbanken von ganze Bevölkerungsschichten ermöglichen Rasterfahndung. Das Problem: Bei gewaltig grossen Datenbanken entstehen neue Probleme der falsch positiven Übereinstimmungen. Hat man verdächtige DNS gefunden und vergleicht die mit den fünf Tatverdächtigen, dann liefert ein Abgleich (und Wiederholungen) zu 100% den Richtigen. Vergleicht man eine verdächtige DNS aber einfach mit allen vorhandenen Proben (Millionen…), dann erhält man 1. u.U. mehrere Treffer (ja… Menschen können die gleichen DNS-Profile haben), 2. falsche DNS-Profile führen zu falschen Verdächtigungen, 3. der Tatzusammenhang der “zufällig” gefundenen Person müsste doch erst gezeigt werden – sogar wenn die Person am Tatort gewesen ist, BLEIBT DAS BLOSS KORRELATION (das ist auch bei Fingerabdrücken nicht anders, doch mit Fingerabdrücken kann man weniger völlig Aussenstehende einbeziehen).

        – hm, ich stelle fest je mehr ich schreibe (mit der Intention GEGEN die Gleichsetzung der beiden Methoden), umso mehr sehe ich die Parallelen.

        Wäre hilfreich, wenn jemand einige Gegenpunkte nennen könnte.

  2. Danke @raskalnikow!

    Ich finde, was du unter Punkt 4 beschrieben hast, stellt den problematischsten Unterschied zwischen DNS- und Fingerabdruck-Datenbanken dar: Mit DNS-Abgleichungen läuft man höhere Gefahr, falsch positive Ergebnisse zu bekommen.

    Es wäre nun interessant von einem Juristen zu erfahren, inwiefern ein positives Ergebnis eine Verurteilung stützen kann, je nach dem welche Hin-/Beweise sonst vorliegen. Und ob die Gefahr bestünde, dass Asylbewerber in dieser Hinsicht strenger behandelt würden als andere Bevölkerungsgruppen.

  3. Ich finde auch das systematische Erfassen von Fingerabdrücken nicht richtig. Es geht einfach nicht an, dass Menschengruppen systematisch biometrisch erfasst und in Datenbanken verwaltet werden, wenn sie nichts unrechtes getan haben.

    Es gibt Individuen, die die Sicherheit des Einzelnen gefährden, keine Frage. Deswegen aber ganze Bevölkerungsgruppen präventiv zu verdächtigen, ist ein gefährlicher Schritt. Es wird wohl nicht mehr lange dauern und wir werden die Forderung hören, allen Asylberwerbern Fussfesseln mit GPS Sender anzubringen. Abwegig? Hoffentlich!

    Die Menschenrechte müssen immer wieder von neuem eingefordert werden. Wir dürfen nicht dem Irrtum verfallen, dass diese für immer gesichert sind, sondern müssen wachsam sein und solchen unglaublichen Forderungen, wie der des Herrn Darbellay eine klare Absage erteilen.

  4. @avongunten

    Ich denke auch dass die Empörung, die von Darbellays Forderung hervorgerufen wird, zwar rechtfertigt ist, aber schon wegen der Fingerabdrücke hätte entstehen müssen. Es liegt wahrscheinlich an psychologischen Faktoren, dass auf DNA so viel emotionaler reagiert wird. Deshalb ist es wichtig, zu erkennen, dass Darbellay in einem Punkt recht hat: Die DNA-Datenbank ist nicht viel anders als die heutige Praxis. Daraus folgt meiner Meinung aber nicht, dass beide ok sind, sondern das Gegenteil!

  5. Voila – Rasterfandung und REIN korrelativer DNS-Fund hat in den USA zu (mindestens) einer Falschverurteilung geführt. http://www.nytimes.com/2013/07/25/opinion/high-tech-high-risk-forensics.html (via @martinsteiger).

    Selbstverständlich ist bei einem solchen Fall NICHT die DNS-Datenbank schuld, sondern ein Justizsystem das auf Kurzschluss gestellt ist (“typisch USA” halt, aber ich behaupte mal, sowas ist nach einer Weile auch bei uns möglich…). Die verhaften, verurteilen und inhaftieren tatsächlich Leute, einfach weil sich DNS IRGENDWO und IRGENDWIE am Tatort/Opfer finden liess… die Kausalität oder überhaupt die (nachträglich erwiesen nicht-vorhandene) Plausibilität musste anscheinend NICHT belegt werden können. – Bei einer solchen fahrigen Justiz führen allfällige Datenbanken und damit Rasterfandungen selbstverständlich zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von solchen Fehlverurteilungen.

    Bei einem robusten Justizsystem, das “im Zweifel für den Angeklagten” und belegte KAUSALITÄTEN ernst nimmt, sind solche Fälle weniger zu erwarten.

Was meinst du dazu?