Von Lesern, Leserinnen und Lesenden

Vor einiger Zeit habe ich folgende Anmerkung über die Benutzung des generischen Maskulinums in diesem Blog gemacht:

“Ich benutze nicht konsequent immer die weibliche und männliche Form (z.B. Leser/in), besonders wenn aus dem Kontext zu erkennen ist, dass ich beide Geschlechter meine. Ich bin sehr wohl für die Gleichberechtigung der Geschlechter, denke aber, dass die Gleichberechtigung in anderen wesentlichen Bereichen voranzutreiben ist. In einem Text geht dies zu Ungunsten der Schreib- und Lesefreundlichkeit und bringt mir, als Mitglied der benachteiligten Gruppe, nichts. Jene, die das nicht so sehen, bitte ich um Nachsicht.”

(Dieser Absatz war in der Seite Über Wilde Worte zu lesen. Wurde nun aber entfernt, weil mit diesem Blogpost hinfällig geworden.)

Kurze Zeit danach, hat sich jemand auf Twitter über das generische Maskulinum beschwert. Ich hatte nicht das Gefühl, direkt angesprochen zu werden, aber es wunderte mich, warum es sie – wie viele Andere auch – derart stört.  Ihre Antwort war:

“Weil Sprache Ausdruck des Denkens ist, und dieses auch formt. Weil geschlechterungerechte Sprache diskriminiert & unpräzise ist.”

Diese Antwort gab mir zu denken. Ich bin mir bewusst, dass Sprache das Denken und die Wahrnehmung beeinflusst. Deshalb habe ich mich schon lange gefragt, ob ich es mir nicht zu einfach mache. Ob die Art und Weise, wie ich hier auf Wilde Worte mit diesem Problem umgehe, nicht zu sehr auf Bequemlichkeit beruht. Ob die Wirkung des generischen Maskulinums auf die Stellung der Frauen in der Gesellschaft nicht doch stärker ist, als ich vermute, so stark, dass sie schwerer wiegt als Schreib- und Lesefreundlichkeit und Ästhetik.

Heute habe ich mir einen Podcast angehört, in dem es eben darum geht, wie Sprache das Denken beeinflusst. Das hat mir die Frage um das geschlechtergerechte Schreiben in Erinnerung gerufen, und so habe ich etwas recherchiert und auf SciLogs einige interessante Artikel dazu gefunden (Sprache diskriminiert, Frauen natürlich ausgenommen, Sind Piratinnen Piraten?). Daraus ersehe ich verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Problematik umzugehen, die mich aber allesamt nicht überzeugen.

1. geschlechtsneutrale Begriffe benutzen

“Nicht alle Personenbezeichnungen haben eine Geschlechtsspezifikation. Wörter wie MenschMitglied oder Person haben […] keine speziellen Formen für Männer und Frauen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Wörter grammatisch Maskulina (wie der Mensch), Neutra (wie das Mitglied) oder Feminina (wie die Person) sind; geschlechtsneutral sind sie deshalb, weil sie nur jeweils eine Form haben.”

Diese Lösung scheint mir die Beste, doch sie ist bei Weitem nicht immer möglich. Und wenn, dann oft nur mit Einbusse an Bedeutung. Also doch nur in sehr beschränkten Fällen die beste Lösung.

Auch unter dieser Kategorie können wir die Benutzung von Substantiven wie die Lesenden statt die Leser oder die Leserinnen einordnen. Was aber im Plural gut klappt, wird im Singular wieder problematisch, und zwar weil wir uns da für einen Artikel entscheiden müssen: die oder der Lesende?

2. durchgängig die maskuline und feminine Form nennen

Dies kann durch Ausschreiben beider Formen geschehen (die Leserinnen und Leser) oder durch entsprechende orthografische Signale (z.B. die Leser/innen). Wenn wir uns aber schon anstrengen, uns geschlechtergerecht auszudrücken, dann sollten wir dabei nicht nur an die diskriminierten Frauen denken. Was ist mit all den Menschen, die weder in die Kategorie ‘Frau’ noch in die Kategorie ‘Mann’ fallen (Inter- und Transsexuelle)? Die werden dabei immer noch diskriminiert. Die Lösung, die allen Geschlechtsformen gerecht sein soll, das Gender Gap (Leser_innen) vermag auch die in diesem Gebiet führende Expertin, Luise F. Pusch, nicht zu überzeugen. Das Gap ‘_’ soll dabei für alle Formen zwischen Mann und Frau stehen. Es würde mich interessieren, wie gut Betroffene sich von diesem ‘_’ vertreten fühlen.

Überhaupt führen diese Schreibweisen dazu, dass meines Erachtens zu viel Gewicht auf das Geschlecht gelegt wird, wo es vom Kontext her nur in den seltensten Fällen relevant ist.

3. das generische Maskulinum

Das generische Maskulinum, auch wenn vom Schreibenden so gemeint, wird laut Forschungen nicht als solches wahrgenommen, also gibt es ihn nicht wirklich. Soll heissen: Wenn wir der Leser lesen, auch wenn in einem Kontext, woraus man erkennen könnte, dass Leser und Leserinnen gemeint sind, denken wir dabei viel eher an einen Mann, als an einer Frau. Es beeinflusst unsere Wahrnehmung und unser Denken also auf eine Art und Weise, die alle ausser Männer diskriminiert.

Vorschläge, ein generisches Femininum einzuführen, sind aus dem selben Grund abzulehnen.

mein vorschlag

Ich fände die Einführung eines generischen Neutrums die sinnvollste Lösung. Das würde der Handhabung im Englischen entsprechen. Die erlebe ich als sehr einfach, mit Ausnahme des Pronomenproblems (the reader und the child aber him/her/them?, his/hers/theirs?). Ich gebe zu, das Stückchen meines Herzens, das für die Schönheit der deutschen Sprache schlägt, schmerzt bei dem Gedanken. Aber wir würden uns innert weniger Generationen daran gewöhnen. Und die heute am meisten angewandten Alternativen sind ästhetisch nicht viel besser.

mein fazit

Ich erkenne die Wichtigkeit dieser Frage und respektiere alle, die sich am generischen Maskulinum mehr stören als ich. Deshalb werde ich mir Mühe geben, anhand der anderen uns heute zur Verfügung stehenden Lösungen geschlechtergerecht zu schreiben.

Was meint ihr dazu, liebe Lesende? Habt ihr andere Vorschläge? Wie erlebt ihr diese Debatte?

flattr this!

8 Gedanken zu „Von Lesern, Leserinnen und Lesenden“

  1. Liebe Sofia, ein spannender Aspekt der Sprache. Da ich selber in der Kommunikation arbeite, stolpere ich immer wieder über diesen Sachverhalt. Leider finde ich die meisten Lösungen nicht so befriedigend. Von der Schule her, liegt mir noch immer das generische Masuklinum im Ohr und somit wohl auch beim Schreiben am nächsten.

    Rein vom Gefühl gibt es für mich in der deutschen Sprache keine “schönen” Optionen, die Thematik richtig zu lösen. Das generische Neutrum, naja, nicht alles ist eine “Sache” und daher finde ich dies auch schwierig. ABER, wie Du sagst, einmal damit begonnen, wären wohl zwei Generatione nach mir andere sprachliche Probleme relevanter, wer weiss.

    1. @SwissRoman

      Eben, auch ich finde keine der heutigen Lösungen wirklich gut. Ich habe bis anhin das generische Maskulinum gebraucht. Mich persönlich, als Frau, stört es nicht. Aber ich nehme wahr, dass sich immer mehr Frauen davon gestört fühlen (oder sie trauen sich jetzt mehr als früher, es zu sagen) und respektiere ihre Gefühle. Ausserdem deutet die wissenschaftliche Forschung darauf, dass Sprache einen grossen Einfluss auf unser Denken hat. Also geht die Bedeutung dieser Frage über Gefühle und Empfindungen hinaus. Deshalb meine Suche nach einer Lösung für meinen Blog.

      Das generische Neutrum kam mir in den Sinn, da ich viel Englisch spreche und schreibe und sich mir dieses Problem im Englischen (fast) nie stellt. Ich denke es wäre eine Frage der Gewöhnung. Es ist ja auch heute nicht so, dass das Neutrum nur für Sachen benutzt wird und nie für Personen: das Mädchen (eigentlich weiblich, oder?), der Tisch (im deutschen Sprachraum männlich, in den romanischen Sprachen weiblich, eigentlich aber neutral, finde ich).

      Bei meiner kurzen Recherche habe ich übrigens erfahren, dass Luise F. Pusch diese Idee auch hatte und versuchte, das generische Neutrum zu etablieren. Leider ohne Erfolg!

  2. Doppelnennungen sind einfach nur mühsam und unterbrechen den Lesefluss. Irgendwie kann man es mit der politischen Korrektness auch übertreiben. In diesem Aspekt bin ich eher Deiner Meinung, dass es der “Gleichberechtigung” nicht viel bringt, und zumindest mein Denken nicht in die eine oder andere Richtung lenkt. Ich wage sogar zu behaupten, dass wenn man die Probleme gar noch sucht, findet man sie überall. Es mag einige Wörter geben, welche man traditionellerweise mit “Männer” in Verbindung bringt, bei vielen (zB auch Berufe) wäre jedoch auch eine neutrale Betrachtung ohne Doppelnennung möglich, wenn man es nicht zu verbissen betrachten will.
    Aber ja..jedem seine Meinung.

    1. Meinem Gefühl nach dachte ich, dass geschlechtergerechtes Schreiben nicht viel bringe und zumindest mein Denken nicht beeinflusse. Nach etwas Recherche und dem neuesten Stand der Forschung nach ist es aber so, dass es doch einen Einfluss hat (vielleicht nicht auf Dein und mein Denken, aber im Allgemeinen). Der Podcast, den ich oben eingebunden habe, ist dazu sehr aufschlussreich.

  3. Ich mag es, zu variieren, z.B: “Am Donnerstag luden SOGI, Swisstopo und HSR in Zürich Altstetten kantonale GIS-Mitarbeiter, Ingenieurinnen, Hersteller-Vertreter, Raumplaner und Naturwissenschafterinnen zum Spirgartentreffen.” (http://geo.ebp.ch/2012/04/02/offene-daten-was-laeuft-in-der-schweiz). Solch eine Aufzählung wäre sehr mühsam mit Doppelnennung und schwierig zu bewerkstelligen mit geschlechtsneutralen Begriffen. Das zufällige Abwechseln/Verwenden des generischen Maskulinum und Femininum zeigt m.E. im Gegensatz zum generischen Maskulinum auf, dass es sich um “Shortcuts”/Generika handelt und selbstverständlich beide Geschlechter gemeint sind.

    1. Ja, bei solchen Aufzählungen finde ich das Abwechseln eine gute Lösung. Ich denke, je nach Situation ist die eine oder andere Lösung besser, keine aber immer optimal, ideal schon gar nicht.

  4. Ich denek von Sprechen her und da ist es doch so, daß die meisten Menschen das generische Maskulinum benutzen, ob sie wollen, oder nicht. Andere Formen müssen hart eintrainiert werden, wenn man sie überhaupt irgendwann einmal komplett und unbewußt in den Sprachgebrauch kommen.
    Daß generische maskulina nicht als solche wahrgenommen werden mag so sein, ist aber auch ein Bildungsproblem. Mir wurde einmal berichtet, wo auf ner Synode die Resolutionen derart abgeändert werden mußten, daß statt “der Mensch” überall “die Menschen” steht, weil “der” männlich sei und das Ganze mit “die” dann gerecht. Richtig verstanden hab ich es nicht, aber es zeigt mir, daß auch ne ganze Menge Unbildung dazugehört. Will sagen: Egal, wie wir uns ausdrücken, es kann (und wird vermutlich) immer Leute geben, die uns mißverstehen können oder sogar wollen.
    Natürlich hat das jetzt alles ein Gschmäckle, wenn ich als Mann für das generischen Maskulinum eintrete, aber wie gesagt, ich sehe keine Alternative, wenn wir nicht eine völlig neue Kuntsprache erfinden wollen, die dann eh keiner lernt (der Mensch ist faul) und wieder mißverständlich wird.
    Alternativ können wir auch einfach Englisch sprechen, von wegen generisches Neutrum.
    Im Übrigen ist es ja auch so, daß grammatikalisch die maskuline Form die Unmarkierte ist. Es gibt also auf grammatikalischer Ebene gar keine Auszeichnung als männlich. Es gibt neen der Zugführerin keinen Zugführerich. So betrachtet ist die deutsche Sprache den Männern gegenüber diskriminierend.
    Ich denke die Lösung liegt eher darin, den Leuten klar zu machen, daß mit einr grammatikalisch männlichen Form nicht immer ein Mann gemeint sein muß. Ein Mädchen ist ja auch keine Sache. Und die Firmenleitung ist in vielen Fällen auch (mehrheitlich) männlich… aber das ist wieder ein anderes Problem.

  5. Über den Versuch zu einer geschlechtsneutralen Grammatik
    (25. Juni 2012, Notiz auf meiner Facebook-Seite)

    «Mitglieder/innen»

    Leser/innen, LeserInnen – genderkorrekte Sprachkrücken, über die mensch beim Schreiben und beim Lesen stolpert, die unaussprechlich sind und nach Jahrzehnten verkrampfter Anwendung an den realen Verhältnissen nichts verändert haben. Und gelegentlich (ver)führen sie gar zu lächerlichen Verirrungen.

    Oft hab ich mich drüber gerärgert, hin und wieder auf Verbesserung gesonnen. Von nun an setz ich den Krücken versuchsweise eine neue, les- und sprechbare Neutralendung entgegen. Der Konsument, die Konsumentin, das Konsumenten (unbetonte Endung wie in «verschieden»); die Konsumenten, die Konsumentinnen, die Konsumentenen (eine betonte Silbe vor einer unbetonten Endung, wie in «denen»).

    Eine Endung für den Genus indefinitus, sozusagen ein Neutrum correctum:
    -en, Artikel: das, eher: ein (Singular ist eh die Ausnahme der Anwendung).

    der Müller, die Müller
    die Müllerin, die Müllerinnen
    ein Mülleren, die Müllerenen

    der König, die Könige, der Könige, den Königen
    die Königin, die Königinnen, der Königinnen, den Königinnen,
    ein Königen, die Königenen, der Königenen, den Königenen,

    Et cetera, probier’s mal selber aus.

Was meinst du dazu?